Echte Seeschlangen und Plattschwänze
Der Begriff 'Seeschlange' bezeichnet zwei Reptiliengruppen:
Echte Seeschlangen (Familie Hydrophiidae): vollständig aquatisch; bringen im Wasser lebende Junge zur Welt; können sich an Land kaum fortbewegen. Die Schwänze sind paddelartig abgeflacht. Über 60 Arten, alle im Indopazifik.
Plattschwänze (Gattung Laticauda): semi-aquatisch; kommen an Land, um Eier zu legen, sich zu häuten und Beute zu verdauen. Erkennbar an der gebänderten Zeichnung (meist wechselnde schwarze und grau-weiße Bänder) und am runden (nicht abgeflachten) Schwanz. Der Gelblippen-Plattschwanz (Laticauda colubrina) ist die von Tauchern am häufigsten gesichtete Art im Indopazifik.
Beide Gruppen sind giftig — alle Seeschlangen besitzen starke neurotoxische und myotoxische Gifte. Das Gift mancher Arten (besonders der Schnabel-Seeschlange, Enhydrina schistosa) zählt zu den potentesten aller Schlangen. Die Oliv-Seeschlange (Aipysurus laevis), in australischen Gewässern häufig, hat ein Gift, das zehnmal stärker wirkt als das einer Kobra.
Das Risiko für Taucher
Praktisch null.
Seeschlangen sind friedfertige Tiere. Sie sind Tauchern gegenüber neugierig (ihr Sehvermögen ist schlecht, und sie nähern sich manchmal an, um einfach zu identifizieren, was sie da sehen), beißen aber sehr selten und injizieren beim Biss fast nie Gift.
Die entscheidende anatomische Einschränkung: Die Giftzähne sitzen hinten in einem relativ kleinen Maul. Ein Biss durch einen Neoprenanzug ist schwierig; Gift dann noch durch den Neopren in die Haut zu bringen, noch schwieriger.
Berichte von Taucher-Seeschlangen-Begegnungen weltweit beschreiben das Tier fast durchgängig als gleichgültig, neugierig oder leicht untersuchend — nicht aggressiv.
Verhalten und Beobachtungen beim Tauchen
Seeschlangen sind Luftatmer. Sie tauchen je nach Aktivitätsniveau und Art alle 30 Minuten bis 2 Stunden zum Atmen auf. Unter Wasser jagen sie Fische und Muränen in Korallenspalten und nutzen Chemo-Rezeption (Zungenschnellen) zur Verfolgung der Beute. Der Gelblippen-Plattschwanz jagt fast ausschließlich Muränen.
An Blue Corner in Palau und an mehreren Riffkanten auf den Malediven trifft man Gelblippen-Plattschwänze regelmäßig beim Jagen im Riff tagsüber an. Sie bewegen sich mit einer charakteristischen, geschmeidigen Eleganz — keine verschwendete Bewegung, keine Beschleunigung, nur stetiges, weiches Wellen — und zählen damit zu den faszinierendsten Motiven auf einem Rifftauchgang.